Der Fall Rylander: Ein Professor der Universität Genf im Dienste von Philip Morris
Jahrzehntelang haben die Tabakkonzerne die gesundheitsschädlichen Auswirkungen ihrer Produkte geleugnet oder heruntergespielt. Hinter dieser öffentlichen Fassade verbarg sich jedoch eine andere Realität: eine Industrie, die Bescheid wusste, aber lieber schwieg. Der Fall Rylander, benannt nach einem schwedischen Professor, der an einer von Philip Morris finanzierten geheimen Forschungsorganisation beteiligt war, ist eines der eklatantesten Beispiele dafür.

Ende der 1960er Jahre spürte Philip Morris eine wachsende Bedrohung: Immer mehr wissenschaftliche Studien belegten die schädlichen Auswirkungen des Tabakkonsums. Der Konzern entschied deshalb, eigene Forschung aufzubauen, um künftig nicht mehr überrascht zu werden – jedoch nicht in den Vereinigten Staaten, wo dies als zu riskant galt. 1970 kaufte das Unternehmen über eine Schweizer Tochtergesellschaft heimlich ein deutsches Institut, das INBIFO (Institut für Biologische Forschung), um seine Beteiligung zu verschleiern.
Hier kommt Professor Ragnar Rylander ins Spiel. Der schwedische Wissenschaftler war offiziell an der Universität Genf angestellt, spielte jedoch gleichzeitig eine zentrale Rolle als Verbindungsperson zwischen INBIFO und Philip Morris. Seine Aufgabe bestand darin, Forschungsergebnisse an den Konzern weiterzuleiten, ohne dass direkte und klar erkennbare Kontakte zwischen den Strukturen sichtbar wurden. Genau diese doppelte Rolle – öffentliche wissenschaftliche Position an der Universität Genf, verdeckte Industrieverbindung mit Philip Morris – bildet den Kern des Skandals.
Anfang der 2000er-Jahre wurde die Affäre öffentlich, nachdem Pascal Diethelm und Jean-Charles Rielle Rylander vorwarfen, seine Beziehungen zur Tabakindustrie zu verschleiern.
Am 6. September 2004 legte die universitäre Untersuchungskommission ihren Bericht vor. Ihr zentrales Fazit: Rylander habe seine Verbindungen zur Tabakindustrie systematisch verheimlicht, über deren Natur irregeführt und als scheinbar unabhängige wissenschaftliche Deckung in einer Desinformationsstrategie zu den Risiken des Passivrauchens gedient. Die Kommission hielt zudem fest, er könne aufgrund dieser geheim gehaltenen, dauerhaften Beziehungen nicht als unabhängiger Wissenschaftler gelten.
In der Folge verschärfte die Universität Genf ihre Regeln und Verfahren, um künftig klarer auf Fälle wissenschaftlichen Fehlverhaltens reagieren zu können.
Der Fall Rylander erinnert daran, wie wichtig Transparenz in der wissenschaftlichen Forschung ist, insbesondere wenn es um Fragen der öffentlichen Gesundheit geht. Er macht auch deutlich, wie wichtig es ist, Interessenkonflikte und noch immer bestehende Mechanismen der Desinformation aufzudecken.
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